Jahresbericht 2019

Pflege und Betreuung Demenzbetroffener – unter welchen ­Bedingungen ?

«Im Zentrum und im Fokus all unseres Tuns stand und steht stets die Rundum-Pflege und -Betreuung unserer Bewohner und Bewohnerinnen sowie der intensive Kontakt zu ihren Liebsten und Angehörigen.»  (aus dem Jahresbericht 2018)

Dieses Leistungsversprechen prägte auch im vergangenen Jahr alle unsere Bemühungen und unsere tägliche Arbeit.


Mit Unterstützung der Angehörigen und dem regen Austausch mit allen Beteiligten schufen wir das bestmögliche Umfeld für unsere Bewohnerinnen und Bewohner. Fokussiert auf die wich­tigen Dinge des Pflegealltags setzten sich die Mitarbeitenden aller Bereiche des neuen marthastifts für das Wohlbefinden der uns Anvertrauten ein.


Auch ist es uns in diesem Jahr gelungen, Kosten zu senken und unsere Prozesse zu optimieren. Der kantonale Heimcheck attestiert uns insgesamt eine 25 %-ige Verbesserung im Vergleich zum Jahr 2018. Die Resultate der Personal- und Ange­hörigenbefragung sind gut bis sehr gut. Sie geben uns zugleich Hinweise darauf, in welchen Bereichen wir Optimierungspotenzial haben. So arbeiten wir in diesem Jahr weiter daran, im Rahmen unseres neu implementierten Qualitätsmanagements das Level unserer täglichen Arbeit auf dem höchst möglichen Niveau zu halten.



Produktions- und Kostenfaktor Pflege und Betreuung
Grosse Sorgen bereiten uns Betriebsverantwortlichen die zunehmende Ökonomisierung der Pflege und Betreuung von Demenzbetroffenen und die damit einhergehende Integration der Angehörigen. Diese Personengruppen umfassen bei uns immerhin 101 Bewohnende und über 200 Angehörige. Unser Anliegen ist es, so unser Selbstverständnis, für all diese Betroffenen individuelle Pflege und Betreuung zu gewährleisten.


In der heute gängigen Leistungsvergütungspraxis wird in der Pflege nur das sogenannte «Behandlungsprodukt» vergütet. Die Betreuung, Begleitung und Unterstützung unserer Bewohnerinnen und Bewohner und deren Angehörigen in ihrem Alltag gehört nicht dazu. Leistungs- und Zeiterfassungsvorgaben in der Pflege entschädigen unsere derartigen Bemühungen und Zeitaufwände dafür unsinnigerweise nicht. Unsere interne Zeiterfassung zeigt aber, dass z. B. gerade die Integration von und die Kommunikation mit den Angehörigen bis zu einem Viertel der zur Verfügung stehenden Arbeitszeit in Anspruch nehmen. Diese Zeit und das Engagement unserer Mitarbeitenden, welche allen Betroffenen zu Gute kommen, wird von den Leistungsträgern nicht honoriert.


Dysfunktionale Abgeltungs- und Berufsausübungssysteme
Die heutigen Tarifregelungen, Leistungskataloge sowie die Vorgaben der Berufsausübung für die Pflege und Betreuung (17 Qualifikationsniveaus, 5 Kompetenzstufen) erzwingen Arbeitsteilungen und Abgrenzungen, die dem ge­forderten Individualisierungsgrad gegenüber den Bewohnenden und ihren Angehörigen im Pflegealltag zuwider laufen. Sie widersprechen in vielerlei Hinsicht der Logik der personenbezogenen Pflegearbeit. Die dafür vorgegebenen Tarifstrukturen und Leistungsabgrenzungen sind gegenüber dem Bewohner nicht lebensgerecht und bedeuten eine aufwändige und unnötige Erschwernis für die Pflegenden und die Personalplanung. Sie orientieren sich weder an der Lebenswelt der Bewohnenden noch an den Arbeitsprozessen.


Hinzu kommt, dass in Pflege und Betreuung nicht die pflegenden Fachpersonen bestimmen, welche Leistungen aus pflegediagnostischen Gründen notwendig sind, sondern direkt und indirekt der Bundesrat und die Krankenkassen durch die Krankenpflege-Leistungsverordnung. Hier wird auch fest­gelegt, wie die Bedarfsermittlung organisiert sein soll.


Kaum eine andere Berufsgruppe ist derart fremdbestimmt und dennoch dazu aufgerufen, in höchstem Masse individuelle und bedürfnisorientierte Dienstleistungen zu erbringen. Gleichzeitig soll sie empathisch und verständnisvoll sein sowie gleichbleibend hohe Pflegequalität erbringen.
Dabei ist gerade die Demenzbetreuung (und die Langzeitpflege insgesamt) durch Personenbezogenheit, Komplexität, Vielschichtigkeit und Prozesshaftig­keit geprägt. Das verlangen nicht nur kantonale Qualitätsvorgaben und nationale Demenzstrategien, sondern auch zu Recht die Angehörigen, welche seit Jahren einen nicht weg zu denkenden Beitrag an die Pflege und Betreuung von Demenzbetroffenen leisten.


Der beschriebene dysfunktionale Wechsel zwischen personenbezogener Individualität und ökonomisch struktureller Überregulierung erzeugt in der Demenzpflege ein Spannungsfeld. Die These sei erlaubt, den Kontext für solches u. a. in der aktuellen Tarif- und Lohnsystematik zu orten. Die Demenzpflege wird heute durch die Tarifordnungen überreguliert und standardisiert. Wir stehen deswegen vor der Herausforderung, jährlich im Entschädigungssystem «vergessene» Leistungen im allgemeinen Budget unterzubringen. Es liegt auf der Hand: Die Professionellen befinden sich in der Ausübung ihrer Arbeit in der Paradoxie «Individuelle Betreuung versus Regulierung». Der Fakt, dass rund 50 % der frisch ausgebildeten «Fachangestellten Gesundheit» nach zwei Jahren ihren Beruf verlassen, unterstreicht dieses Spannungsfeld nachdrücklich.



Das neue marthastift – 130 engagierte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter
Wir unternehmen auch in einem schwierigen und herausfordernden wirtschaftlichen Umfeld alles, damit es unseren Bewohnern an nichts fehlt, und sie die best­mögliche Pflege und Betreuung erhalten.


Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat das Jahr 2020 zum Internationalen Jahr der Pflegefachpersonen erklärt. Mit der Bekämpfung des Corona­virus in Kombination mit Demenzerkrankten bekommt dieses Jahr eine neue Dimension. Eine bei allen Beteiligten hoffentlich nachhaltige.


Im neuen marthastift arbeiten rund 130 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. 24 Stunden am Tag, 7 Tage in der Woche. Sie sind erfahrene Berufsfachleute und Führungsverantwortliche, die ihre Arbeit gerne machen und stolz sind auf die grossen und kleinen Erfolge im Alltag. Es sind Individuen so wie die Bewohnerinnen, Bewohner und ihre Angehörigen. Im Zusammenspiel des Miteinander kommt es zu vertrauensvollen Beziehungen, Glücksmomenten und Unstimmigkeiten, Versöhnung und neuen Perspektiven. Für diese bewegten und sinnstiftenden Momente im Jahr 2019 und in der kommenden Zeit möchten wir uns bei allen Beteiligten von Herzen bedanken.

Monica Basler, Zentrumsleiterin und
Dominik Schniepper, Stiftungsratspräsident

Stiftungsrat und Leitung

Dominik Schniepper, Advokat | Präsident
Prof. Dr. med. Thomas Leyhe, Vizepräsident
Alfred Hersberger, dipl. Arch. ETH |SIA, Präsident Baukommission
Inés Mateos, lic. phil., Mitglied
Richard Widmer, lic. rer. pol., Mitglied
Monica Basler, MPH, Zentrumsleiterin
Martha Eggimann, MScN, Leiterin Pflege und Betreuung
Katharina Burkhalter, Leiterin Hotellerie, stellvertretende Zentrumsleiterin
Sefer Seferi, Leiter Technik und Sicherheit